Wien, Schukowitzgasse: Kindertagesheim

167

Projekt 167

Kindergarten und Hort, Schukowitzgasse, Vienna by Architect Georg Reinberg, Vienna, Austria.

Städtebauliche Lösung

Da der Kindertagesheimneubau in engem funktionellem Zusammenhang mit einer – aus Sicht des Verfassers architektonisch interessanten – Schule (Architekt: Wimmer) steht, setzt der Entwurf das Bebauungskonzept der Schule fort und bildet seinen südlichen Abschluss (Kopfbau).

Entsprechend dem besonderen Anspruch des Energiesparens wird aber nun das Atrium der bestehenden Schulklassen neu interpretiert. Die extreme Introvertiertheit der existierenden Schule wird zugunsten einer (südlichen) Offenheit verbessert. Der bestehende Schul-Vorhof wird als – nun tatsächlicher – Hof geschlossen und kann für sämtliche Funktionen (Tagesheim, Kindergarten, Krippe, Schule) gemeinsam genutzt werden. Dieser Hof kann sowohl durch den bestehenden Vorbau als auch unter dem südlichen Vordach der Turnhalle (als möglicher eigenständiger Zugang zum Tagesheim) erreicht werden.

Darüber hinaus ist der Hof über einen Fußweg (aus dem Ortskern kommend) auch vom Westen her erreichbar.

Räumliches Konzept

Gegenüber der Möglichkeit, zweigeschossig zu bauen, wurde der ebenerdigen Bebauung der Vorzug gegeben, da dies nicht nur städtebaulich besser entspricht (Ergänzung zur Schule), sondern auch funktionelle Vorteile bringt und das Volumen insgesamt verkleinert (Baukosten).

Sämtliche Gruppenräume sind nach Süden völlig geöffnet und erhalten so eine optimale Sonnenbelichtung (tiefes Sonnenlicht im Winter, kurzes Sonnenlicht im Sommer).

Das glasüberdachte Atrium ermöglicht die Erschließung aller Räume, ist Mittelpunkt und Kommunikationsbereich und kann gemeinsam mit dem Mehrzwecksaal als großer Veranstaltungsbereich dienen.

Die Gruppenräume werden über eine vom Atrium zum südlichen Freiraum durchreichende Garderobe erschlossen, an der auch die Sanitärräume liegen.

Der dem Gruppenraum angeschlossene Nebenbeschäftigungsbereich wird zusätzlich durch ein Oberlicht und über das Atrium mit Tageslicht versorgt.

Sämtliche Verwaltungs- und Nebenräume liegen nördlich, mit – für diese Funktionen vorteilhaftem – indirektem Sonnenlicht über die Nordfenster.

Die Mehrzweckhalle – ebenso wie die Gruppenräume höher als die anderen Räume – ist im Fußbodenniveau abgesenkt und über eine Rampe und einen ebenfalls abgesenkten Bereich im Atrium erreichbar. Dadurch werden räumliche Vielfalt und ein Kontrast zur weiten Ebene des Umlandes und zum flachen Baukörper der Schule geschaffen.

Architektur

Der Baukörper setzt zwar als südlicher Kopfbau die Schule fort, wurde aber inhaltlich aus dem Bezug zur attraktiven Südseite (Grünfläche, Baumbestand, Sonne) und aus dem Konzept des ökologischen, energiesparenden Bauens entwickelt: die Sonne wird in ihrer Bedeutung und Kraft erlebbar inszeniert und die Tageslichtführung (über die Südseite und die Oberlichten) zur Erzeugung differenzierter Raumqualitäten genutzt. Im Zentrum des Atriums steht der Warmwasserspeicher der Solaranlage (3.800 Liter) und macht das Solarkonzept erlebbar. Die auch von der Schukowitzgasse einsehbare Glasfront im Süden stellt unsere neue Beziehung zur Umwelt, zur Sonne und zur Natur dar. Die Idee des Energiesparens tritt grundsätzlich nicht als Mangel, sondern als Zusatz-Profit (mehr Licht, mehr Ausblick, besseres Klima, im Winter wärmere, im Sommer kühlere Wandoberflächen) in Erscheinung. Die Architektur wird so als Kommunikationsmittel und didaktisches Instrument eines zukunftsorientierten Weltbildes gesehen.

Energiekonzept

Der kompakte Baukörper, die hohe Dämmung (30 cm Wand, 30-47 cm Dach) und die Lüftungswärmerückgewinnungsanlage reduzieren die Wärmeverluste auf ein Minimum.

Die Glasfassade im Süden („Sonnenfenster“) nutzt die Sonnenenergie auf passive Weise (142m² Südverglasung).

Die Speicherung der passiven Solargewinne wird durch die Gebäudemasse (Beton ohne Oberflächenverkleidung) möglich. Die extremen Nutzungsansprüche (hohe interne Wärmeerzeugung während der Nutzung, keine interne Wärmeerzeugung in den kalten Nachtstunden, Wochenenden etc.) kann über diese Gebäudemasse besser ausgeglichen werden. Zusätzlich steigt der Komfort (alle Umschließungsflächen warm).

Das „warme“ Wasser und die Heizenergie werden größtenteils aus den 80 m² Kollektoren in der Südfassade bezogen (Waschmaschinen und Geschirrspüler sind an die Warmwasserleitung angeschlossen).

Der sommerliche Überhitzungsschutz erfolgt durch außenliegende Jalousien. Bei Überhitzungsgefahr werden diese (automatisch) geschlossen. Das Oberlicht wird mit einem beweglichen außenliegenden Sonnenschutz beschattet. Die Kühlung erfolgt durch „Nachtspülung“ (Durchlüftung mit kühler Nachtluft) und entsprechender Speicherung der Kühle im gesamten Baukörper (automatisch gesteuerte Fensterklappen und Lüftungsklappen mit Regen- und Einbruchsschutz). Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung wird zur Beheizung verwendet werden („Passivhauskonzept“). Sämtliche Leitungen (Lüftung, Warmwasser, Heizung) sind aus Kostengründen (weniger Bauvolumen) sowie wartungs- und didaktischen Gründen offen und sichtbar verlegt. Der Restwärmebedarf wird über einen Gas-Brennwertkessel gedeckt. Der Heizwärmebedarf liegt unter 15 kWh/m² (Nettonutzfläche), berechnet mit Passivhaus-Projektierungspaket.

Die Regenwässer werden am Grundstück zur Versickerung gebracht.

Vom Architekten wurde eine Kühlung über Brunnenwasser (viel und hoch liegendes Grundwasser ist vorhanden) vorgeschlagen. Dies konnte aber nicht durchgesetzt werden. Ebenso erging es einer fertig geplanten Biomasse-Heizungsanlage.

Umso erfreulicher war, dass hier – bei relativ geringen Ansprüchen an das Energiekonzept – mein Architekturkonzept Anklang fand und mir die Realisierung ermöglicht wurde. Die Begleitung eines Energietechnikers (Prof. Dr. Manfred Bruck, Wien) brachte viel Unterstützung durch laufende Energie- und Kostennachweise und letztlich auch Rückhalt gegenüber dem – im Preiswettbewerb beauftragten – Haustechnikplaner, der zunächst bemüht war, das gesamte Passivhauskonzept zu Fall zu bringen und letztlich – aus meiner Sicht – keine optimale Planung lieferte. Hier wäre es wichtig und auch sehr viel kostengünstiger, im Bau das Team, das den Architektenwettbewerb (Energieplaner, Grünraumplaner, etc.) bestreitet, auch mit der Ausführungsplanung zu beauftragen. Sehr positiv war bei diesem Bau die direkte Zusammenarbeit mit den zukünftigen Nutzern und – damit zusammenhängend – die Planung wesentlicher Teile der Möblierung durch mein Büro.

Der Bau selbst brachte den wichtigen Nachweis, dass ein derartiger Bau letztlich nicht teurer kommt als andere Tagesheime.

Projektnummer
167
Status
Bauten
Planung
Georg W. Reinberg, U. Machold, S. Müller-Welt
Auftraggeber:in
Gemeinde Wien
Wettbewerb
2003
Planungsbeginn
2003
Baubeginn
2005
Fertigstellung
2006
Baukosten
1.937.752,- € netto
Grundstück
4.292 m2
Nutzfläche
1.179 m2
Umbauter Raum
6.227 m3

Fotos

Baustelle